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Über die emotionale Brücke

 

© Gustav Adolf Pourroy 2008                  

 

 

In der Nacht zum Gründonnerstag 1941 hatte ein britischer Bomber über Berlin noch vier Bomben übrig. Er sah die Onkel-Tom-Siedlung Zehlendorfs und man darf zu seinen Gunsten vermuten, dass er solche Gebäude für Kasernen hielt. Die Bomben fielen in die Siedlung und verursachten Knall, Pulverdampf, Sachschäden und Angst.

Wir waren als Kinder bei unserem Nachbarn B. nicht gerade beliebt und mit einigem Recht hielt er uns für recht ungezogen. Die Frau des Ehepaares war in dieser Bombennacht allein zu Haus. Sie kam laut klagend aus dem Haus. Meine damals 18-jährige Schwester nahm sie fest in die Arme und beruhigte sie. Am nächsten Tag kehrte der Mann zurück und bedankte sich herzlich bei uns. Das Jahre währende Eis zwischen den Familien war gebrochen. Die spontane Hilfe für Frau B. hatte eine Brücke zu den Nachbarn entstehen lassen, auf der wieder freundliche Beziehungen herrschten.

 

Ein ähnliches Schlüsselerlebnis haben sicher viele Menschen im Krieg oder auch in friedlichen Zeiten erfahren: Was lässt Menschen die Arme zu ausgegrenzten, stigmatisierten oder angefeindeten Nächsten öffnen, was lässt sie Vorbehalte überwinden?

 Christmas in the Trenches heißt ein Buch in England, das über Ereignisse zu Weihnacht 1914 berichtet, wie englische und deutsche Soldaten sich spontan zwischen den Schützengräben näher kamen. Sie hatten den Widersinn des Krieges erkennend die Weihnacht als eine Brücke zum Feind beschritten und sich menschlich mit dem Gegner ausgetauscht. Sie plauderten mit den gegnerischen Soldaten, mit denen sie Tage vorher noch erbittert kämpften. So feierten sie Weihnacht, tauschten Adressen aus und rauchten die Zigaretten des Gegners. Am nächsten Tag brachen die Kämpfe wieder aus und der Wahnsinn des Krieges beherrschte die Gemüter.

 

 Aus dem Leben kennt man das Beispiel des zerstrittenen Paares, das sich angesichts ihres schwer erkrankten Kindes oder des verunglückten Hundes wieder vereint. Was lässt sie die Arme wieder öffnen?  Oder ein anderes Beispiel: Warum umarmt sich plötzlich ein bisher heimlich verliebtes Paar, das sich seine Liebe bisher nur vorsichtig zeigte? Der Mann bekämpfte erfolgreich eine Kobra und das ließ die Schranken fallen.

 Wir erkennen aus diesen wenigen Beispielen, dass es einer Erschütterung, eines Katalysators bedarf, damit gehemmte Emotionen einen freieren Lauf finden. Die Erschütterung kann eine überstandene Gefahr, eine seelische Bewegung um eine gemeinsame Sorge oder – wie bei Weihnachten – eine Erinnerung an die Kindheit sein. Durch solche spontane Aufwallung, die mit ihren tiefen Gefühlen geheimnisvolle Wirkungen auf das vegetative Nervensystem entwickelt, werden die besten Eigenschaften des Menschen aus den Fesseln von Vorbehalten, stillem Grimm und Verklemmungen befreit. Die Liebe zum Nächsten erwacht und der Mensch folgt sozial integrierend seiner biologischen Programmierung als Kleingruppen-Wesen.

 Diese Bewegung des Menschen durch Erschütterung kann in seinen weitesten Auswirkungen das vegetative Nervensystem weit aufwühlen und zur Gänsehaut  führen. So zum Beispiel berichtet Charles Ras, hart gesottener Reporter des Londoner Tabloids Sun, dass er beim Beifall nach der Rede von Charles Spencer in der Trauerfeier für Prinzessin Diana einen solchen Schauer gehabt hätte. Es können vielartige Reaktionen auf solche Momente ausgelöst werden: Tränen, Jubel, Umarmungen, ja, vieles weitere als nur Umarmungen.

 Die Beobachtung der großen Sozialsysteme der Welt zeigt Vergleichbares

Bei allen Völkern der Welt sind ähnliche Abläufe denkbar wie sie hier geschildert werden. Der weise Mensch ist nicht unbedingt nur rational und er handelt meist weniger weise als behauptet: Der Mensch ist sehr emotional bestimmt.

 Die erste Kontaktaufnahme zu einem anderen Menschen, die Begrüßung, überwindet die Hemmung vor dem Fremden und ist daher in allen Schattierungen der Gruß-Rituale dem Bau einer emotionalen Brücke ähnlich.

 Nach Aristoteles erzielt die Tragödie mit der Erregung die Affektzustände Furcht und Mitleid. Ödipus erkennt, dass er unwissend seinen Vater tötete und unwissend seine Mutter heiratete. Der Unschuldige straft sich indem er sich seine Augen aussticht. Das schreckliche Geschehen bewirkt beim Zuschauer der Tragödie Mitleid über die Verstrickung des Menschen in widrige Umstände und führt zu Schauern der Empathie und Rührung zu Tränen. Der Mensch gewinnt dadurch Kräfte zur reinigenden Besinnung. Sowohl das beschriebene spontane Brücken-Schlagen des Menschen und auch die Sublimierung dieser Emotionen in der Peripetie der Tragödie zu einem dramatischen Effekt bewirken Reinigung, bewirken Katharsis.

 Der Mensch wird vorwiegend von seinen Gefühlen bestimmt. Gefühle entziehen sich den Erklärungsversuchen der Vernunft. Die Vernunft ist dem Menschen oft ein nützliches Werkzeug. Überwiegend von der Vernunft gesteuerte Menschen gelten oft als emotional dumm und haben nach den Gesetzen der Sozialisierung des Menschen wenige Chancen zur Anerkennung in der Gruppe. Es wurde viel über emotionale Intelligenz geschrieben. Für das spontane Brücke-Schlagen aber bedarf es keiner besonderen emotionalen Begabung, denn die Fähigkeit dazu ist in den Menschen als Kleingruppenwesen gleichsam eingebaut. Die vielen ethnischen Gruppen und Kulturen der Welt haben das in verschiedensten Formen und Ritualen alle gemeinsam.

 Eine besondere Rolle beim Brücken-Schlagen spielt die Musik. Sie appelliert unmittelbar an die Gefühle des Menschen. Im Film, in der Oper, in vielen Lagen des Lebens soll die untermalende Musik die Situation emotional betonen.

 Natürlich suchen viele Menschen durch positiv gewertete Handlungen spontane emotionale Zuwendung zu gewinnen: Angesichts von Kameras kennt das entwaffnende Lächeln kein Ende, streicheln Staatsautoritäten Babys, Politiker in talk-shows bekennen sich zu großen Zielen und alle erwarten dadurch Image-Gewinn.

 Genauso wie ein positiv gewertetes Moment emotionale Hinwendung der Menschen auslösen kann, so gibt es auch negativ angesehene Momente, die dem Handelnden eine subjektive Schuld geben. Politiker, Feldherren, Dichter und ähnliche Herausgestellte stehen im Brennpunkt der Beobachtungen des Publikums. Gar leicht – vergnügt man sich als Minister öffentlich, wenn Truppen marschieren müssen oder verweigert man einem verunglückten Publikumsliebling die Trauer – heftet das Publikum schnell ein mit dem negativen Image ein Stigma an – und ein Stigma ist nicht leicht weg zu wischen.

 Die positiven Möglichkeiten des emotionalen Brückenbaus zwischen Menschen haben aber auch Schattenseiten. Diktatoren, Propagandaminister und Werbeleute nutzen den emotionalen Charakter des Menschen und manipulieren bewusst seine Haltung zu bestimmten Fragen. Josef Goebbels dazu in einer verbürgten Äußerung:

 

Selbstverständlich hat Propaganda eine Absicht, aber die Absicht muss so klug und so virtuos kaschiert sein, dass der, der von dieser Absicht erfüllt sein soll, das überhaupt nicht merkt

 

So markant und kurz ist soziale Beeinflussung über eine Ingenieus-Kunst an der Seele des Menschen vorher noch nicht beschrieben worden. Gegen das sozialpsychologisch angelegte Management von Menschen nach den Regeln von sozialen Verhaltensweisen im Hinblick auf ihren Platz, ihre Funktion, ihre Agilität und ihre Präferenzen hat selbst die Aufklärung noch keine Mittel gefunden.

 Wir finden hier Vorstufen zu groß angelegten PR-Aktionen im Unternehmen, zu Agitprop im DDR-Stil, zur Propaganda Goebbels’scher Prägung. In diesen Strategien wird aus den typischen Verhaltensweisen der Menschen berechnet, wie er sich auf gewisse Vorgaben verhalten wird. Daraus folgern die Manipulatoren, mit welchen Informationen der Mensch so zu handhaben ist, dass der Mensch agiert, wie es den Manipulatoren wünschenswert erscheint. Man erzielt aus der Vorgabe ein tatsächliches Verhalten des Menschen, ohne dass ihm das wirklich bewusst wird. Wie ein an die Lauterkeit seiner Eltern glaubendes Kind bedenkt der Mensch nicht die Folgen solcher Vorgaben. Sie sind dem Menschen nicht einmal bewusst. Der Manipulator hat im Unterbewusstsein einen Faktor angelegt, der das Handeln und Denken unkontrolliert steuert: Der Mensch wird infantilisiert.

 Diese Gefahr für den überwiegend Gefühls-betonten Menschen sollte man bei allen Vorzügen der sonst doch Frieden schaffenden emotionalen Brücke nicht vergessen