Die Moderation technischer Grossprojekte

Das wird jetzt auch  Mediation genannt

oder die

Die Grammatik der Gruppendynamik

Vorbemerkung: Mediation ist ein USA entwickelter Begriff für den Versuch zwischen gegensätzlichen Partnern zu vermitteln. Auch in Gerichtsverfahren wird dort Mediation angewandt. Allerdings setzt STRATACOM darüber hinaus bei den Gesetzen der Gruppendynamik an, weil - besonders bei Grossprojekten - komplexe Lernprozesse zu bewältigen sind, die - nur am runden Tisch - nicht erfolgreich laufen können. Vielmehr müssen sich die Teilnehmer den Lerninhalt selbst erarbeiten. Lautet also z.B. die Frage Transrapid ja oder nein sollten die Teilnehmer Schnellverkehrsmittel ausgiebig von allen Seiten studieren. All das setzt grosse Fairness voraus. Und ein zu spät anlaufender Prozess endet oft in einem Desaster: Verwaltungsgerichte sprechen dann von Abwägungsdefiziten.
 
Sehr wichtig ist: Rechtzeitiges Design des Prozesses   für die Öffentlichkeitsarbeit.

 

Post scriptum im Oktober 2010

 
 
Dieser Erkenntnis folgt nun auch Heiner Geissler mit seinem Konzept für Stuttgart 21. Seit unseren   Erfahrungen    mit dem Flughafen Berlin Schönefeld verfolgen wir diese Erkenntnis. Geissler macht es gut in Stuttgart und wir wünschen Stuttgart und Geissler großen Erfolg. Eine sichere Planung mit zig-Millionen von Einzel-Aktionen muss durch Modernisierung des Planungsrechtes ermöglicht werden.
 

Post-Scriptum August 2011

Indessen hat Geissler mit seinem Vorschlag einer Doppellösung (Kopf- und Tiefbahnhof) sein Mandat überschritten und damit sein ganzes Bemühen um Konsens zu nichte gemacht. Die Öffentlichkeit fordert nun eine Lösung im Parlament, d.h. Volksabstimmung.

 
 

 

 

© 1991 Gustav Adolf Pourroy

Aktualisierte Fassung / Urfassung veröffentlicht in FAZ/BdW vom 30.Januar 1991

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Ein häufiges Beispiel

Das Bundesverwaltungsgericht entschied 1990, daß die Verlängerung der Bundesautobahn 7 über Nesselwang hinaus in ihrer Trassierung die Rechte einzelner Anlieger unzulässig beeinträchtige. Das Gericht verwarf damit das Ergebnis des jahrelangen Planfeststellungsverfahrens für die A 7 in diesem Abschnitt. Ein neues Planfeststellungsverfahren war einzuleiten – das Endergebnis kann ein Zeitverlust bis zu 10 Jahren sein. Wenn man im ersten Planfeststellungsverfahren die Gespräche mit den Bürgern nicht nur über die bürokratische Abwicklung der Planung geführt hätte, sondern sie wirklich in den Willensbildungsprozeß einbezogen hätte, wäre das Ergebnis größerer Konsens und weniger Friktion gewesen. An sich können solche Desaster nicht überraschen, denn Rückschläge muß der Planungsträger immer erwarten – das Projekt Wackersdorf ist ein gravierendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit.

 

Wackersdorf – das Menetekel von gescheiterten Projekten – aber mit elegantem Ausstieg

Rudolf von Bennigsen-Foerder machte im Frühjahr 1989 den Vorschlag, Kernbrennelemente nicht in der gerade im Aufbau stehenden Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, sondern in noch verfügbaren französischen Kapazitäten aufarbeiten zu lassen. Dieser öffentliche Vorschlag des Chefs eines mehrheitlich vom Bund beherrschten Unternehmens hätte an sich die offiziell stark an Wackersdorf festhaltende Bundesregierung in große Verlegenheit bringen müssen. Alles wartete darauf, daß Bennigsen-Foerder in die Regierungslinie zurückgepfiffen wurde. Nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, der Bundeskanzler sprach von einer "neuen, überraschenden" Möglichkeit.

 

Sicher mag der Bundeskanzler überrascht gewesen sein, sein damaliger Kanzleramtschef Schäuble indessen konnte es nicht sein, denn er hatte alles mit Bennigsen-Foerder abgestimmt. So brauchte man den Letzteren auch nicht in die offizielle Linie zurückzuholen: Vielmehr half Bennigsen-Foerder der Bundesregierung, das Gesicht zu wahren und aus dem Engagement in Wackersdorf "auf Grund des neuen Vorschlages eines Industriellen" elegant auszusteigen. So glatt kann eine Inszenierung in Bonn laufen, wenn ein Schäuble an den Fäden zieht.

Gleichwohl, die Bayerische Staatsregierung ist, nach einigen Kostendiskussionen mit dem Bund, schwungvoll mit einer geänderten Konzeption für Wackersdorf zu neuen Ufern aufgebrochen. Das Endergebnis ist, daß man den drohenden totalen nationalen Dissens durch Aufgabe der Wiederaufbereitung bewältigte und die Lösung des Problems späteren Generationen überließ.

So elegant der Ausstieg aus Wackersdorf für das erstaunte Publikum gelaufen ist, so wenig elegant ist der Aufbau von Wackersdorf vollzogen worden. Über die Moderation technischer Großprojekte hatte man seinerzeit noch keine Vorstellungen. Man verließ sich auf das Atomgesetz und die Gesetze für Raumordnung und Planfeststellung. Schließlich glaubte die Bayerische Staatsregierung mit einem gewissen Recht an die Verläßlichkeit ihrer Bürger bei der Durchführbarkeit dieses Projektes in bayerischen Landen.

Es kam jedoch anders. Teile der örtlichen Bevölkerung – auch nach Aktivitäten von "Destabilisatoren" – begehrten auf. Gegen Gemeindeinstanzen, die sich gegen das Projekt stellten, begann die Regierung einen Bürokratenkrieg: Weisungen, Drohungen, Absetzungen. Damit wurde die vertrauensbildende Maßnahme der Einbeziehung von möglichen Multiplikatoren in die Meinungsbildung der Bürger verspielt.

In der pluralistischen Gesellschaft – sind erst die Emotionen hochgekocht – können Wasserwerfer, Tränengas und Knüppel keine approbaten "Moderationsmittel" mehr sein. Dies bedeutet im konkreten Fall jedoch nicht, daß überhaupt für Wackersdorf durch Moderation im eigentlichen Sinn - also mit kommunikativer Vermittlung zwischen den Partnern im Planungsprozeß nach den Gesetzen der Gruppendynamik – einhelliger Konsens erzielbar gewesen wäre. Aber eine in gewissen Graden bessere Chance zum Konsens hätte sicher bestanden – und wenn dieser Prozeß auch nur ergeben hätte, über die Machbarkeit des Projektes frühzeitiger zu entscheiden. Man könnte es als überspitzt ansehen, gerade das Beispiel Wackersdorf zur Vorstellung von Gedanken über die Moderation technischer Großprojekte anzufüllen. Allein dieses Beispiel macht die eklatanten Fehler alter Machtpolitik plastisch – insbesondere dann, wenn sie Bevölkerungsbewegungen unterschätzt und gruppendynamische Gesetze gravierend fehleinschätzt. Aber aus der Wackerdorf-Geschichte und aus anderen schwerfällig abgelaufenen Planungsprozessen kann unsere Gemeinschaft lernen und Konsequenzen ziehen.

 

Mit Widerstand gegen Grossprojekte muss immer gerechnet werden

Es ist eben ein Faktum, daß sich der Realisierung technischer Großprojekte wie Flughäfen, Stadtgestaltungen, Kraftwerksbauten und Verkehrswegen immer größere Widerstände entgegenstellen. Versuche entweder durch besonders diskretes Vorgehen oder umgekehrt durch umfangreichere bloße PR-Aktivität die passiv nur erscheinende Bevölkerung entweder zu umgehen beziehungsweise zu gewinnen, sind zum Scheitern verurteilt. Es sind daher neue Modelle zu entwickeln, wie die für Großprojekte typische Friktion bei Planung und Realisierung gemildert werden kann. Ja, richtig: gemildert – nicht "abgeschafft" ist zu lesen. Denn "Friktion" setzt jedes System der Realisierung von Planungen entgegen; vor allem aber die selbstgemachte Friktion – wenn man sozusagen in der Kommunikation "gegenseitig auf dem Schlauch steht" – läßt sich mildern.

 

Die Planung von Grossprojekten muss als Lernprozess angelegt werden

Wir müssen jetzt lernen, die Planung von technischen Großprojekten als Lernprozeß aller Beteiligten zu gestalten. Dabei teilen wir den Partnern nicht einfach Planungsschritte "öffentlich" mit, sondern binden die Partner auf besondere, noch zu schildernde Weise in wesentliche Schritte mit ein.

Sonst glaubt sich das Individuum Bürger angesichts von Großprojekten ohnmächtig den Störungen seiner Interessen ausgesetzt. So schließt er sich gegenüber der Anonymität der planenden Instanzen zu Gruppierungen zusammen. Wenn man es so beginnt, ist das Desaster programmiert.

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Gefordert ist Kompetenz zu moderner Kommunikation mit dem Bürger

Und wird vom Planungsträger der sich nun entwickelnde Austausch von Informationen und der Ausgleich von Konflikten unter Mißachtung der Grammatik der Gruppendynamik angegangen, so sind jene absurden Planungsabläufe programmiert, die zum Beispiel den Verschiebebahnhof München-Nord – für die Gemeinschaft schädlich – verzögerten. Daher läuft noch immer die Masse des Schwerverkehrs über die Straße, die Umwelt verpestend, die Wege verstopfend. Der Fall der Kufsteinbrücke zeigt klar die Unfähigkeit unserer Gemeinschaft, den Huckepackverkehr der Lastwagen mit der Bahn zu organisieren. Der Lernschock durch den "verdienten Pfeiler" (Gerhard Fuchs) der Wildbichlerbrücke droht zu verpuffen, denn schon kurze Zeit darauf zeigt sich unser Sozialsystem verdrängend vergeßlich.

Mitte August vergangenen Jahres gab es Berichte über Personalknappheit bei der Bundesbahn. Eine Steigerung der Brenner-Transporte sei unmöglich. Gegen die Sorgen der Tiroler und Tegernseer Bürger gab es nichts als kräftige Reden zum Fenster hinaus und schließlich einen zu späten Kompromiß. Der Schlüssel zur Lösung wäre auch ein großer Verladebahnhof für den Huckepackverkehr in München-Nord gewesen, gegen den aber Münchener Bürger in früherer Zeit angegangen sind. An dieser Fehlentwicklung aus mangelnder Kompetenz in der Kommunikation mit dem Bürger zeigt sich exemplarisch die Grundfrage, wie intelligent ein Sozialsystem seine Willensbildung organisiert, um vernünftige Ergebnisse zu erzielen:

- die Interessen der einzelnen berücksichtigend

- der Ökologie des Gesamtsystems dienend.

Schwierigkeiten bei Verkehrswegeplanungen sind nicht auf deutsche Lande beschränkt. Kürzlich wurde berichtet, wie in Frankreich regelrechter Aufruhr gegen Trassierungen des Superschnellzuges TGV inszeniert worden war. Daß läßt befürchten, daß auch die ICE- und Transrapid-Planungen in Deutschland davon angesteckt werden. Dabei ist der spurgebundene Schnellverkehr im Bereich bis 1000 km ökologisch entschieden dem Flugverkehr vorzuziehen. Welche Schlüsse werden deutsche Planungsträger ziehen, um mit den Bürgerinitiativen zu intelligenten Lösungen im spurgebundenen Schnellverkehr zu kommen?

 

Nacheinander geführte Gespräche nicht zielführend

Natürlich ist es schon ein Fortschritt, daß man nach sogenannten "Akzeptanzmodellen" einzelne, fortfolgende Gespräche mit den Bürgern sorgfältiger führt. Aber diese Gespräche zeigen den entschiedenen Mangel, daß sie nacheinander klein dosiert abgehalten werden. Das schafft Kommunikationsketten und damit das Problem der Deformation von Information wie bei den Spielen mit der "stillen Post".

 

Durch diese Einzelgespräche werden Zeit- und Raumbarrieren geschaffen, und gerade die sind die Hauptursachen für informationelle Fehlentwicklungen, die es zu vermeiden gilt. Die Strafprozeßordnung hat den "Zwang zur Hauptverhandlung", um den Prozeß durch unmittelbare Beweise zum Urteil zu führen. Solche "Hauptverhandlung" ist im Frühstadium der "Workshop" mit einer Auswahl der Planungsbeteiligten, im fortgeschrittenen Stadium ist es der Informationsmarkt, in dem eine größere Menschenzahl – wie auf einem Markt – Informationen an beliebigen Marktständen aufnehmen und abgeben kann. Große, komplexe Unternehmen üben schon lange erfolgreich diese Form der Kommunikation zur Zielorientierung und Strategiediskussion. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum nicht große, öffentliche Projekte in ähnlicher Weise angegangen werden könnten.

 

So lernt die Gemeinschaft gegenseitig die verschiedenen Auffassungen kennen. Die tätige Beteiligung ermöglicht einen hohen Lerneffekt. Das mobilisiert den guten Willen. Man kann sagen, die Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit lernt als soziales System. Hierin kann sich auch der Planungsträger als ein offenes, übersichtliches und wandlungsfähiges System präsentieren. Durch seine Initiative zu dieser Öffnung bleibt er der Gestalter des Planungsablaufes: Mitsprache der Bürger sollte nicht als "Mitbestimmung" mißverstanden werden. Schließlich, den Mut des Planungsträgers, diese aktive Informationspolitik zu betreiben, werden die Bürger eher honorieren als "diskretes Vorgehen".

 

Technikfeindlichkeit als Herausforderung zum Lernprozess

Die Planungsträger könnten hier vielleicht einwenden, daß die vergangenen Fehlentwicklungen klar die Technikfeindlichkeit von großen Teilen der Bevölkerung erwiesen hat. Das mag sein. Aber der Widerspruch vom weiten Gebrauch der Technik in Energie und Verkehr einerseits zur Feindlichkeit gegen Technik im allgemeinen andererseits ist doch auch eine Herausforderung. Unsere Gemeinschaft kann diesen Widerspruch durch einen neuen Lernansatz auflösen: zum Beispiel durch Moderation technischer Großprojekte. Unser Gesellschaftssystem als Ganzes müßte "Lernen lernen", damit es komplexe Projekte wie Müllprobleme, Verkehrsoptimierung und Kraftwerksbedarf besser bewältigen kann. Der Vorschlag, durch Moderation technischer Großprojekte neue Lernmöglichkeiten zu schaffen, ist ein Weg. Angst vor Technik läßt sich nicht durch "Geheimhaltung", sondern durch aktive Beteiligung der Bürger vermindern. Die bei der Anwendung in der Unternehmenswelt bewährte Dramaturgie der Informationsmärkte sichert gegen das Abgleiten in leidvolle Bürgergespräche mit geringer Lernrate und hohem verbleibendem Dissens.

Die Ethologie lehrt uns durch Irenäus Eibl-Eibesfeld, daß der Mensch ein Kleingruppenwesen ist. Darauf sollte Informationspolitik für Menschen bauen. Anders als bei den Massenwesen Flamingos, Antilopen und Heringen ist die Auffassungsfähigkeit des Menschen dann am besten differenziert, wenn er in kleiner Gruppe sein Wissen austauschen und sichern kann. Ist er in der Masse, so besteht die Gefahr von "Sportpalast-Effekten": Le Bon läßt grüßen.

 

"Atom-nein danke" / "Benzin- nein danke" / Zu neuer Vernunft

In der Dramaturgie der Diskussion und des Szenenwechsels im Workshop und im Informationsmarkt ist aber die Gruppe das integrierende und gestaltende Element. Findet der Mensch sich in der Gruppe als Zelle seiner typischen Verhaltensmuster, so kann er sich richtig verhalten. Er lernt so gut und ist gegen Einflüsterungen widerstandsfähiger. Werden dem Menschen aber mit Massenversammlungen seinem Wesen nicht entsprechende Sozialisierungen angeboten, so wird er zum Massenwesen reduziert, dem differenzierte Denkweisen verschlossen sind. Hier folgt er auch dem größten Unsinn, klebt an sein Auto "Atom – nein danke"-Schilder und verschließt sich so der Tatsache, daß Autos ihre Energie aus der integrierten Energiewirtschaft beziehen. Nicht einmal der Autoaufkleber "Benzin – nein danke" würde ihm in dieser Massenhysterie als absurd auffallen. Werden Menschen in Massenversammlungen gefragt "Wollt ihr Kernkraftwerke?" (Frank Elstner in Lübeck), so antworten sie "nein!", obwohl Kernkraftwerke solche licht- und energiekräftige Veranstaltungen in diesem Umfang erst ermöglichen. Von solchen "Butter-oder-Kanonen"-Einflüsterungen müssen wir weg und der Rationalität des Menschen eine bessere Chance geben – gegen die vorwiegend emotional wirkenden Appelle der Massenmedien.

 

Verhaltensweisen laufen auf Schienen, die vom Sozialsystem vorgegeben sind. Diese Schienen gilt es daher zu verlegen. Und dazu muß – was die Großprojekte angeht – mit Moderation begonnen werden. Die Planungen werden dann – vorausgesetzt man beginnt rechtzeitig – glatter laufen als in der Vergangenheit.

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