Gustav Adolf Pourroy

 Freitag, 13. September 2002

Süddeutsche Zeitung

Redaktion

Sendlingerstr. 8

80331 München

  

Die lieben Verwandten und Lebensentwürfe, Zeitenbrüche

SZ 12.9.02 und 13.9.02

oder  Der Mensch im kranken Staat

  Sehr geehrte Damen und Herren ,

 es gehört zu den natürlichen menschlichen Entwicklungen, dass man sich von Fehlern abkehren will, Fehler verdrängt und mit gewonnenen Erfahrungen zu neuen Ufern aufbricht. Verdrängung ist die Heilung der Seele. Vergebung entspricht unserem Sittengesetz. In den großen Religionen der Welt gibt es gleichwertige Inhalte.

 Es ist in Deutschland zur Gewohnheit geworden, jemanden seine frühere politische Haltung vorzuwerfen, ja, sie als Waffe in der Konfliktauseinadersetzung zu nutzen. Jemanden wirksam vorzuführen, hat er dumme Aufsätze geschrieben, war er Parteimitglied, hat er das Lied gesungen „Die Partei, die Partei, die hat immer recht...“, ist er gar in die Fänge der GESTAPO oder gar der STASI geraten: Es ist ja so interessant, jemanden zu demaskieren und ihm Ansehen oder Prestige zu rauben. Es führte dazu, dass aus den Gauck-Akten Waffen gemacht wurden.

 Natürlich plädiere ich hier nicht für Verbrecher, sondern nur dafür, dass wir erkennen, es könne kein Volk aus lauter Stauffenbergs, Geschwister Scholls, Bonnhöfers oder Havemanns und Baros geben. Das breite Volk hat sich angepasst, hat mitgemacht, hat versucht das Beste daraus zu machen. Die Gesetze des Lebens forderten das. Der Mensch im kranken Staat, was kann er wirklich ausrichten?

 Es ist wahr, dass in Schuld verstrickte Menschen  versuchen, ihre Fehler zu vergessen, klein zu reden und durch neue Taten gut zu machen: Was ist daran falsch? Es ist wahr, dass das deutsche Volk in den Jahren 1933 bis 1938 den Verführungen eines vermeintlichen Heilsbringers begeistert folgte, wir alle haben Heil gerufen, auch Leni Riefenstahl. Das Volk wollte aus dem Chaos der Folgen des  I. Weltkrieges heraus. Die Gesetze des Massenwahns ergriffen unser Volk. 

Wir, das Deutsche Volk, können das Stigma Holocaust nicht überwinden. Wir wollen es auch nicht. Aber die Gesetze des Lebens lassen uns versuchen, unseren Kindern die Schmerzen an Ihren Eltern zu mildern und Schuld verdrängen zu lassen: Wir wehren uns dagegen, fortwährend zum Waschzwang angehalten zu werden. Auch so kann die Rede von Martin Walser in der Paulskirche verstanden werden.

 Monika Marons Rede ist gleichsam eine petitio principii: „Denkt an den Menschen, der in solchem Wahn lebt und in einer Art Dauerpubertät (= also mit der Kunst der Propaganda, des AgitProp infantalisiert) gehalten wird.“

 Wir lernen aus der Vergangenheit, wollen aber mit unseren Kindern zu neuen Ufern aufbrechen und solche Staaten im Massenwahn hinter uns lassen.   

 Mit freundlichen Empfehlungen

gez. Gustav Adolf Pourroy

 

(In der SZ nicht veröffentlicht)