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Vom Stigma und vom Waschzwang

 

© Gustav Adolf Pourroy 2008

 

In Shakespeares „Macbeth“ wäscht sich Lady Macbeth nach dem Mord am Duncan immer wieder manisch die Hände. In der Literatur ist das eines der ersten Zeugnisse für solche Zwangshandlungen. Niemand erinnert Lady Macbeth an Schuld, ihr Unterbewusstsein pocht und lässt sie versuchen, wenigstens so das Schuldgefühl zu unterdrücken...

 

Das Gewissen ruft in Lady Macbeth (…out,damned spot! out, I say! - ). Sie fühlt das Brandmal an ihren Händen. Das Stigma sucht sie abzuwaschen, Shakespeare zeigt so Waschzwang. Der Zuschauer des Dramas erfährt keinen Kommentar. Er kann nur ahnen, was hier wirkt.

 

Dostojewski führt in Schuld und Sühne Katharsis bei der Schuldbewältigung vor. Sonja erzählt Raskolnikoff während der Verbannung die biblische Geschichte von der Auferstehung des Lazarus. Das führt Raskolnikoff  zur Reue und lässt Hoffnung auf Reinigung von Schuld entstehen.

 

Reue, Furcht und Mitleid sind Schritte zur Katharsis. Katharsis ist ein wesentliches Element für die Wiederherstellung von Frieden. Das Mitleid ist die angemessene emotionale Reaktion auf das Unglück eines anderen. Eine unerlässliche Bedingung ist, dass Mitleid, Furcht und Reue spontan und selbständig aus dem teilnehmenden Menschen kommen.

 

Die emotionale Reaktion des Zuschauers einer Tragödie kann nicht durch Hinweise auf das unverdiente Schicksal eines Opfers verstärkt werden. In den griechischen Tragödien haben die Dichter zur Überwindung einer dramatischen Lücke manchmal die Dioskuren auftreten lassen, die dem Publikum eine Situation erläuterten und eine dramatische Lücke schlossen. Hätten diese Dichter die Dioskuren aber nur zur Erregung des Mitleids auftreten lassen, wäre Katharsis schwer möglich geworden.

 

Auf die fortwährende Provokation von Scham über Schuld, Mitleid und Mitempfinden zielte Martin Walser 1998 in seiner Rede in der Paulskirche als er sagte

 

 Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muss ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.

 

Walser wehrt sich gegen den fortwährenden Schuldvorhalt, akzeptiert keine kollektive Verantwortung. Er will ein Stigma nicht tragen und schon gar nicht zum Waschen des Stigmas angehalten werden.. Die fortgesetzte Präsentation der Medien über deutsche Schuld hat etwas Manisches und zeigt sich im Grunde wie ein Waschzwang der um deutsche Schuld besorgten Medien..

 

Gekürzt, siehe Version in Der Mensch im kranken Staat bei AMAZON

 

So werden die Zeit und der natürliche Schwung neuer Ideen junger Menschen das Bewusstsein in die Zukunft lenken. Das lässt die frische Erinnerung an Schuld und Stigma langsam in den Hintergrund treten. Die Natur des Sozialsystems des Menschen  macht Hoffnungen möglich, ja, das Prinzip Hoffnung ermöglicht Heilung von den Schäden der Vergangenheit.. Aber Schuld wird hierdurch nicht getilgt, sondern nur überwunden.

 

siehe auch aktuell stigma-wasch-faz